- Anzeigen -

SAP geht angeschlagen aus dem US-Prozess


"Wer wird Milliardär?" - Ein Kommentar zum Urteil im Rechtsstreit zwischen Oracle und SAP von Tobias Ortwein, PAC GmbH
Die Festlegung der Höhe des Schadensersatzes lässt offensichtlich doch ein gutes Maß an Willkür vermuten


(29.11.10) - Nun ist es amtlich: Die SAP AG muss 1,3 Milliarden US-Dollar Entschädigung an ihren Intimfeind Oracle bezahlen. Die Anfang 2005 gekaufte "Tomorrow Now" hat sich damit zu einem weiteren peinlichen Kapitel für SAP entwickelt, nachdem sich endlich langsam ein "Mantel des Vergessens" über die gescheiterte Drittwartungsstrategie ausgebreitet hatte.

Die Schuldfrage der SAP stand ja bereits seit längerem außer Zweifel, ebenso wie die SAP spätestens seit der Entschuldigung durch Co-CEO Bill McDermott auch die Verantwortung dafür übernommen hat. Spannend war nun die Frage in welcher Höhe die Entschädigung ausfallen wird. Die ursprünglich von SAP bezifferten 40 Millionen US-Dollar Schaden waren sicherlich ein wenig naiv seitens der SAP – was auch die spätere Erhöhung der Rückstellungen auf 160 Millionen US-Dollar zeigt. Die Diskussionen der Geschworenen über die Höhe der Entschädigung gingen zunächst bei einer halben Milliarde US-Dollar los und umfassten einen Rahmen bis zu 3 Milliarden US Dollar.

Bei Kontinentaleuropäern löst die Höhe der nun festgelegten Schadensersatzzahlung in jedem Fall Befremden aus. Offensichtlich ist es im Rahmen des Prozesses keiner der Parteien gelungen, den entstandenen Schaden nachvollziehbar zu kalkulieren und zu beziffern.

Oracle hatte laut Handelsblatt 1,7 Milliarden Dollar verlangt. Wenn man sich die Aussagen einzelner Geschworener vor Augen führt, die sich innerhalb der oben genannten Bandbreite nun auf 1,3 Milliarden Dollar "geeinigt" haben, lässt die Festlegung der Höhe der Summe offensichtlich doch ein gutes Maß an Willkür vermuten.

Vergleicht man die Causa "SAP vs. Oracle" mit den Streitigkeiten, die sich Microsoft vor ein paar Jahren mit der Europäischen Union geliefert hat, ist das aktuelle Urteil noch weniger nachvollziehbar. Damals sollte ein Exempel statuiert werden, aber die Höhe der letzten Endes von Microsoft geforderten Zahlungen sind – vor dem Hintergrund, dass die Komplexität des damaligen Rechtstreits zwischen der EU und Microsoft deutlich höher war – verglichen mit diesem Urteil lächerlich. Damals wurde die festgelegte Höhe der Zahlungen von Microsoft sogar vom amerikanischen Justizministerium kritisiert.

Was bedeutet das Urteil aber nun für SAPs Kunden und Partner? Auf die SAP-Kunden wird es keine oder zumindest nur kaum wahrnehmbare Auswirkungen haben. Mit der Unaufgeregtheit, mit der SAPs Kunden den Prozess in den letzten Wochen verfolgt haben, lagen sie meiner Meinung nach richtig. Denn solange die Höhe des Schadensersatzes die SAP nicht essenziell bedroht – was nicht der Fall ist –, ist auch nicht mit irgendwelchen negativen Auswirkungen für die Kunden zu rechnen, in dem Sinne, dass Investitionen in Themen wie Timeless Software, BI, BBD, etc. zurückgefahren werden.

Die Leidtragenden sind meiner Meinung nach natürlich zunächst einmal die Eigentümer – sprich die Aktionäre – der SAP. Da trifft es den einen oder anderen gut Betuchten, aber auch viele Kleinaktionäre und Mitarbeiter.

Aber gerade auch die Mitarbeiter werden verstärkte Sparmaßnahmen zu spüren bekommen, die bei einer solchen Größenordnung der Schadensersatzsumme nicht ausbleiben werden bzw. dürfen. "Last but not least" wird auch das SAP-Ecosystem, also die SAP-Partner, sicher nicht zu den Profiteuren dieses Urteils gehören. Denn im Rahmen der zu erwartenden Sparmaßnahmen der SAP kann auch das eine oder andere gemeinsame Engagement negativ betroffen sein.

Wer ist nun aber der Gewinner? Larry Ellison ist um über eine Milliarde US-Dollar reicher geworden. Zumindest in Europa, aber auch bei einigen US-Unternehmen klingt durch, dass Oracles harte Gangart bei den Geschäftspartnern zunehmend auf Befremden stößt. Da fragt sich schon der ein oder andere Kunde oder Partner von Oracle, ob sich das Unternehmen nicht lieber auf die technologische und organisatorische Integration der vielen Zukäufe konzentrieren sollte, wo man doch nach wie vor ein paar Antworten schuldig geblieben ist.

Keine Frage, die SAP geht sicherlich angeschlagen aus diesem Prozess – was sowohl ihr Image als natürlich auch die Höhe der Summe anbelangt. Ob Oracle irgendetwas – außer natürlich der im Raum stehenden 1,3 Milliarden US-Dollar – gewonnen hat, bleibt abzuwarten. Ein Imagegewinn ist dies sicher für keine der Parteien! (PAC: ra)

PAC: Kontakt und Steckbrief

Der Informationsanbieter hat seinen Kontakt leider noch nicht freigeschaltet.

- Anzeigen -




Kostenloser Compliance-Newsletter
Ihr Compliance-Magazin.de-Newsletter hier >>>>>>


Meldungen: Kommentare und Meinungen

  • "Klagen der Netzbetreiber nicht nachvollziehbar"

    Strom- und Gasnetzbetreiber wehren sich gegen die von der Bundesnetzagentur im Jahr 2016 festgelegte Höhe der Zinssätze, mit denen die Unternehmen ihr eingesetztes Kapital verzinsen dürfen. Aus Sicht des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft (bne) und des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) ist das von der Bundesnetzagentur festgelegte Zinsniveau aber mehr als ausreichend, um die Modernisierung der Energienetze sicherzustellen. Die Rechnung für die hohen Renditen zahlten die Verbraucherinnen und Verbraucher. Der Großteil der Strom- und Gasnetzbetreiber hat gegen die von der Bundesnetzagentur beschlossenen Zinssätze geklagt.

  • Gemeinsame Nutzung von APIs

    Am 13. Januar war es endlich soweit: Die neue Zahlungsdienstrichtlinie der EU (kurz PSD2) trat offiziell in Kraft. Die neuen Richtlinien werden unser Bank- und Zahlungsverkehrswesen, wie wir es bisher kennen, grundlegend verändern und eine neue Ära des 'offenen Bankwesens' einleiten, welche Bankkunden eine neue beispiellose Freiheit beim Zugang zu Finanzdienstleistungen eröffnet. Für Banken bedeutet diese Öffnung, dass sie fortan verpflichtet sind, ihre Programmierschnittstellen (APIs) auch für Anwendungen von Drittanbietern freizugeben. Das Problem: Wie dies sicher gelingen kann, darüber sind sich viele Finanzdienstleister noch immer nicht im Klaren.

  • Kompetenzen auf zu viele Zivilgerichte verteilt

    "Wir begrüßen, dass die Bayerische Justiz die behördliche Aufsicht über Inkassounternehmen ab dem kommenden Jahr auf nur noch zwei Behörden konzentriert. Darüber hat uns in dieser Woche das Bayerische Staatsministerium der Justiz informiert. Kurz vor Weihnachten ist das eine mehr als erfreuliche Nachricht und ein wichtiger Schritt für mehr Rechtssicherheit, von dem sowohl Inkassounternehmen und ihre Auftraggeber als auch Verbraucher erheblich profitieren werden. Der Freistaat setzt damit Maßstäbe bei der Inkasso-Aufsicht, an der sich andere Bundesländer orientieren sollten", erklärt BDIU-Hauptgeschäftsführer Kay Uwe Berg.

  • Ausgleich für gedrosselte Akkus in iPhones

    In den USA bietet das Unternehmen Apple im Streit um eine gedrosselte Leistungsfähigkeit von iPhones nach einem Softwareupdate einen kostengünstigen Austausch älterer Handy-Akkus an. In Europa - und damit auch in Deutschland - warten die iPhone-Kunden bislang vergeblich auf entsprechende Angebote des Herstellers, um ihre Mobiltelefone wieder auf volle Leistung bringen zu können. Das sei nicht nur ärgerlich, sondern widerspreche auch dem Nachhaltigkeitsprinzip, so Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv).

  • Historische Entscheidung der USA

    Während Europa seine strikte Haltung zur Netzneutralität beibehält, hat die US-amerikanische Federal Communications Commission (FCC) am 14. Dezember neue Regeln verabschiedet, die es Internetanbietern erlauben, ihre Dienste je nach Anwendung oder Website zu diversifizieren. Das bedeutet, dass Anbieter von Inhalten wie YouTube oder Facebook beschließen können, Provider zu bezahlen, um eine höhere Geschwindigkeit als andere Websites zu erreichen. Die Entscheidung der FCC hebt die bisherigen US-Regeln zur Netzneutralität auf, wonach alle Websites und Anwendungen von Internetanbietern gleich behandelt wurden.